Literarischer Abend mit Chr. Ude

Am 30. Januar lud der Verein Miteinander Leben in Fürstenried e.V. zum literarischen Abend mit Alt-OB Christian Ude in den Saal der Andreaskirche ein. Können wir im Saal bleiben oder müssen wir in die Kirche umziehen? Wieviele kommen, und wie bereiten wir uns vor? Lieber ein sehr voller Saal als eine halbleere Kirche – also wurde der Gemeinderaum herausgeputzt: Ude01Die Wände liebevoll dekoriert mit Kunstwerken aus der Asylbewerberunterkunft an der Tischlerstraße (ein großartiger Schmuck für unseren Saal, der uns erfreulicherweise einige Wochen erhalten blieb), bestuhlt bis in den letzten Winkel, die Bierbänke im Bühnenraum platziert ... – so harrten wir der Besucher. Über 150 stellten sich ein, darunter viele Menschen, die sonst selten oder gar nicht den Weg nach Andreas finden. Erstaunlich, wie sehr das eine Veranstaltung verändert.

Christian Ude eröffnete seinen Vortrag mit den eigenen Erinnerungen an die Entstehung des Vereins Miteinander Leben in Fürstenried – 1993, in der Zeit des Balkankriegs, in der noch viel mehr Flüchtlinge nach München strömten, als es heute der Fall ist. Damals war er Zweiter Bürgermeister und dafür zuständig, Platz für die Menschen zu schaffen, deren Flucht nach München führte. Platz in Wohngebäuden, in Turnhallen, in eigens errichteten Unterkünften. Und er sah sich aufgebrachten Bürgern gegenüber, die sich gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft wehrten. Fürstenried unterschied sich da nicht von anderen Stadtvierteln. Umso dankbarer erzählt Ude von der Gründung des Vereins Miteinander Leben, der eine der ersten Initiativen dieser Art in München war, und der mit seinem Wirken für ein friedliches und tolerantes Miteinander der Fürstenrieder mit „ihren“ Asylbewerbern stadtweit Schule machte. Für dieses segensreiche Wirken zollt er den Aktiven des
Vereins damals wie heute großen Respekt. Entsprechend gern ist er ihrer Einladung nach Fürstenried gefolgt.

Vorbereitet hatte er Texte von Emerenz Meier, die 1906 – ein Wirtschaftsflüchtling aus Bayern! – aus bettelarmen Verhältnissen im Bayerischen Wald nach Chicago emigrierte, und von Oskar Maria Graf, dem Schriftsteller, der in der Zeit des Nationalsozialismus floh und sich in New York niederließ. Doch beim Vortrag der Texte beließ es Ude nicht. Insbesondere durch seine persönlichen Kommentare und Exkurse stellte er eindrücklich den Bezug zur Situation der Flüchtlinge und der sie aufnehmenden Gesellschaft hier und heute her.

Ude02Er schloss seine Lesung mit einer Geschichte aus eigenem Erleben, die 1972 ihren Anfang nahm und bis heute andauert. Sie erzählt von der Begegnung des Jura-Studenten mit einer bitterarmen Familie in den Bergen Anatoliens und von deren Gastfreundschaft; vom Segen des Gastarbeiterlohns, den einige der Männer für diese Familie in München verdienten; und davon, wie sehr diese Familie, deren Mitglieder über die Jahre auch nach München kamen, selbst zum Segen wurde. Nicht nur für die Udes, mit denen sie eine tiefe Freundschaft verband („An Weihnachten kamen immer erst die Türken mit Geschenken, dann erst kam das Christkind.“), sondern auch für die Stadtgesellschaft selbst. Denn die Kinder dieser Gastarbeiter von einst sind heute bestens integriert, sie bieten 700 Münchner Arbeitsplätze und sind in vielfältiger Weise engagiert.

Man konnte eine Stecknadel fallen hören, die Botschaft kam an. „Ich erzähle diese Geschichte leidenschaftlich gern“, so Ude, „weil sie viele Vorurteile auf einmal über den Haufen wirft.“ Sein Bericht war so kurzweilig wie eindringlich und hinterließ ein beeindrucktes Publikum. Ein Publikum, das dankbar noch lange beisammen blieb – für angeregte Gespräche war Anlass genug. Die Bewohner der Asylbewerberunterkunft hatten Köstlichkeiten, der Verein Wein und andere Getränke vorbereitet.

Ein großes Dankeschön aus Andreas an den Verein Miteinander Leben für diesen rundum gelungenen Abend!